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Rezensent(in): Metz, Peter
Rezensiertes Werk: Fontaine, Alexandre: Aux heures suisses de l'école républicaine : un siècle de transferts culturels et de déclinaisons pédagogiques dans l'espace franco-romand. - Paris: Demopolis, 2015. - 314 S. ; ISBN 978-2-35457-071-2
Erscheinungsjahr: 05/2016
zusätzl. Angaben zum Rezensenten: Professur für Allgemeine und Historische Pädagogik, Pädagogische Hochschule FHNW
E-Mail: peter.metz@fhnw.ch
Text der Rezension:

Die pädagogische Historiographie folgte über Jahrzehnte einem rekonstruktiven Interesse, das die Wirksamkeit einzelner Pädagogen und länderspezifische Entwicklungen darstellen und erklären wollte. Dabei interessierte die Internationalität insofern, als sie sich im nationalen, regionalen oder lokalen Raum als Einflussfaktor zeigte. Vergleiche von Autoren, Konzepten und Praktiken dienten dazu, Gemeinsamkeiten und je Spezifisches zu kennzeichnen. Mit der Kulturtransferforschung hat sich der Fokus dahingehend verschoben und bereichert, als vorrangig die Prozesse der Akkulturation – der Auswahl, Umformung und Anverwandlung – rezipierter Kulturgüter untersucht werden, um so die Motive, den Nutzen und die Folgen des Transfers erklären zu können. Ein besonderes Augenmerk gilt der Art der Vermittlung durch mitwirkende Trägergruppen wie Vereine und Institutionen sowie deren Organe und Medien. Erwartet wird, dass sich mit diesem Forschungsansatz die Kontextbedingungen der Akkulturation stärker abzeichnen, als wenn allein die Differenzen zwischen Original und Importgut erfasst werden.

Mit seiner gut dreihundert Seiten umfassenden Dissertationsschrift, die mit dem renommierten Preis Louis Cros de l’Académie des sciences morales et politiques (Institut de France) ausgezeichnet worden ist, folgt Alexandre Fontaine dem Forschungsansatz des Kulturtransfers, was schon der Untertitel seines Werkes zum Ausdruck bringt. Er verspricht sich und der Leserschaft nicht weniger als eine Aufschlüsselung von pädagogischen Räumen, um deren vergessene Verbindungen sichtbar werden zu lassen (S. 18). In räumlicher Hinsicht interessieren Fontaine primär die Wechselbeziehungen und Wirkungen im kulturellen Austausch zwischen Frankreich und der französischen Schweiz. Eine räumliche Abgrenzung ist damit nicht intendiert und stünde im Widerspruch zum Ansatz des Kulturtransfers. Vielmehr zielt die Studie darauf, auch die in diesen Wechselbeziehungen eingelagerten Elemente des internationalen pädagogischen Diskurses (wieder) deutlich zu machen.

Ihren historischen Ausgangspunkt nimmt Fontaines Untersuchung bei einem politischen Ereignis, dem 2. Dezember 1851 (S. 12), als der gewählte französische Präsident (Napoleon III.) in einem Staatsstreich die Zweite Republik beendete und die liberalen Kräfte ins Exil trieb. Die sich entwickelnden Kontakte zwischen den französischen Flüchtlingen und liberal gesinnten Romands alimentierten einen kulturellen Austausch, der insbesondere für die Entwicklung des französischen Schulwesens maßgeblich werden sollte, als Napoleon III. nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg gestürzt und im Jahr 1871 die Dritte Republik ausgerufen wurde. Die politischen Ereignisse bilde(te)n Zäsuren in einem sie überdauernden Austauschprozess – Fontaine nimmt das gesamte 19. Jahrhundert in den Blick, denn die Orientierung an Prozessen und Konzepten des Kulturtransfers entgrenzen Räume und Zeiten. Ziel der Studie Fontaines ist es zu zeigen, wie im Transfer, genauer: in einem fortwährenden Prozess der Auswahl, Übermittlung und Reinterpretation kontextbezogene, angepasste Konfigurationen entstehen, die zu einer Universalisierung der europäischen Erziehungswissenschaft führten. Mit dieser Deutung knüpft Fontaine an Alexandre Daguets Schriften und Wirken an. Die Originalität eines pädagogischen Konzepts liegt demnach weniger in seiner Zuordnung zu einem bestimmten Pädagogen oder Land, sondern in der Art seiner Reinterpretation, die bestimmte Aspekte fallen lässt und andere akzentuiert. Fontaine spricht vor allem von „resémantisations“, auch von „métissages“ und „hybridations“. Was für die einzelnen Konzepte gilt, überträgt der Autor auf die gesamten Schulsysteme der Romandie und Frankreichs: „[…] les structures mises en place sous la IIIe République résultent d’un jeu complexe de transferts culturels, d’absorptions de savoirs étrangers et de références étrangères […]“ (S. 12).

Seinen Grundgedanken des kulturellen Transfers exemplifiziert Alexandre Fontaine an zahlreichen Beispielen, die er zu einer spannenden Lektüre des 19. Jahrhunderts verknüpft: vielschichtig, ohne die Linien zu verlieren, anregend, dicht und detailreich, ohne langatmig zu werden, inhaltlich überzeugend gegliedert, gestützt auf einen ergiebigen Quellenkorpus, in dessen Zentrum Daguets 3.000 Briefe und der Éducateur stehen. Nur wenige Beispiele seien an dieser Stelle genannt, für die Fontaine die internationalen Kontakte, Wirkungen und lokalen Anpassungen sorgfältig aufzeigt: die Philanthropine, der wechselseitige Unterricht, der schulische Musikunterricht, die Association pédagogique universelle, der Dictionnaire de Buisson, die Kadettenkorps, die Ferienkolonien. Nachzuspüren wäre auch den transatlantischen Verbindungen und dem internationalen pädagogischen Austausch mit Japan. Fontaine folgt nicht nur forschungsmethodisch dem Ansatz des Kulturtransfers, sondern verwendet ihn auch legitimatorisch, biographisch und forschungskritisch. Legitimatorisch erscheinen einzelne Zitate und Bezüge auf Ferdinand Buisson, Eugène Rambert und Alexandre Daguet, die auch schon den Wert des internationalen Austauschs priesen. Biografisch wird der Ansatz insbesondere an Daguets und Buissons Leben und Schriften illustriert. Forschungskritisch verwendet Fontaine den transkulturellen Ansatz namentlich gegen die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertretene vergleichende pädagogische Geschichtsschreibung (vgl. S. 16f.). Insgesamt gelingt es Alexandre Fontaine überzeugend, seine These von den vergessenen internationalen Verbindungen in zahlreichen national, regional und lokal verstandenen Konzepten zu belegen. Allerdings: Komparatistik bleibt auch in der Kulturtransferforschung konstitutiv, was Fontaine im Kapitel „Conclusions“ (S. 213–221) festhält. Man mag es als Stärke der Arbeit empfinden, dass uns die Kulturtransferforschung derart verdichtet entgegentritt, man kann es auch als Schwäche einschätzen, wenn dieselbe Forschungsmethode mehrschichtige Funktionen übernimmt. Sind die Methodenkritik und die Interpretation von Schriften und Ereignissen nun Folge oder Bedingung der Forschungsergebnisse?

Die Gegenüberstellung von Ergebnissen einer identitätsorientierten Forschung einerseits und einer Kulturtransferforschung andererseits mögen wie M. C. Eschers Kippfiguren erscheinen: Je nach Blickrichtung wird das Eine (Eigene) oder das Andere (Fremde) gesehen. Welches sind aber mögliche Gründe, dass die eine oder die andere Blickrichtung dominant wird? Alexandre Fontaine beschäftigt diese Frage mehrfach, ohne sie ins Zentrum seiner Studie zu stellen, denn seine Blickrichtung folgt ja der These des Kulturtransfers und dem Anliegen, „l’idée forte d’une construction collective de l’Europe“ (S. 217) zu stärken. Wer demgegenüber die Besonderheit oder Einzigartigkeit des Lokalen betonen wollte, dem boten sich verschiedene Wege: a) den Aspekt des Importierten vernachlässigen oder entwerten, b) die eigene Entscheidung als beste Auswahl aus einem internationalen Vergleich legitimieren oder c) rhetorisch zu behaupten, man kopiere nicht eine Idee, sondern lasse sich von denselben guten Gründen leiten (S. 208–211). Mehrfach wird deutlich, dass der Import auch kaschierende Funktion haben konnte: Für Frankreich war es schwieriger, direkt aus dem Land des Konkurrenten und Kriegsgegners Deutschland pädagogische Konzepte zu übernehmen, hingegen vermittelt vom kleinen Königreich Belgien oder der Schweiz war dies durchaus willkommen (vgl. S. 14, 209).

Fussnote:

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von Michael Geiss.

© 17.05.2016 by HBO, alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Schlagwörter: Bildungsgeschichte; Rezension; Frankreich; Französische Schweiz; Pädagogik; Diskurs; Kultuvermittlung
Eingetragen von: barkowski@dipf.de
Erfassungsdatum: 17. 05. 2016
Korrekturdatum: 17. 05. 2016