HBO Datenbank - Bericht

Autor: Grundig de Vazquez, Katja; Riel, Katharina van
Titel: 10. Forum junger Bildungshistorikerinnen und Bildungshistoriker: Nachwuchstagung der Sektion Historische Bildungsforschung in der DGfE in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, Berlin 12./13. September 2014
Erscheinungsjahr: 11/2014
Text des Beitrages:

Für den 12./13. September 2014 hatte die Sektion Historische Bildungsforschung in der DGfE zum nunmehr 10. Forum junger BildungshistorikerInnen in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung nach Berlin geladen. Zahlreiche NachwuchsforscherInnen nutzten die Gelegenheit, einem interessierten Publikum Ansätze und Ergebnisse ihrer Forschungen vorzustellen. Mit insgesamt 20 Beiträgen – 16 Vorträgen und vier Posterpräsentationen –, die sich u.a. schul-, unterrichtsoder wissenschaftshistorischen Themen widmeten, dabei teilweise auch kultur- bzw. systemübergreifende oder -vergleichende Ansätze verfolgten, oder aber Fragestellungen zu verschiedenen Reformpädagogiken nachgingen, wurde ein abwechslungsreiches Programm an unterschiedlichen Sujets angeboten. Die Vielzahl der Beiträge machte es dabei erforderlich, zeitweise zwei parallel stattfindende Vortragspanels (a) und (b) anzubieten, um genug Raum auch für anschließende Fragen und Diskussionen zu bieten. Die Poster wurden am Rande des Symposiums ausgestellt.

Erster Tag – Panel 1

Mit dem ersten Vortrag des ersten Panels stellte Adwoa Abeney aus Berlin unter der Moderation von Jörg-W. Link ihr Dissertationsprojekt Diskursive Zusammenhänge moderner Pädagogik und bürgerlicher Ökonomie – eine diskursanalytische Untersuchung im Kontext der Einführung einer allgemeinen Unterrichts- und Schulpflicht in Preußen im 18. Jahrhundert vor. Sie möchte mit ihrer diskursanalytischen Arbeit am Beispiel der preußischen Bildungspolitik des 18. Jahrhunderts die wechselseitigen Bedingungszusammenhänge zunehmender gesellschaftlicher Ökonomisierung und fortschreitender Durchsetzung der Schulpflicht von Seiten des Staates bzw. Etablierung eines ökonomisierten Bildungsbegriffs untersuchen. Dabei interessiert sie sich vor allem für Überschneidungen der Forderung nach und der Gestaltung einer allgemeinen Schulpflicht einerseits und der Etablierung einer „neuen” Wirtschaftsform andererseits. In der anschließenden Debatte wurde auf die Bedeutung des Bildungsbürgertums für eine fortschreitende Modernisierung der Pädagogik der Zeit hingewiesen und eine notwendige Verknüpfung zwischen Ökonomie und Bildung thematisiert.

In dem darauffolgenden Vortrag Pestalozzi oder Bell-Lancaster? Hochburgen und Grenzgebiete der Pädagogischen Methoden nach 1800 präsentierte Barbara Caluori aus Luxemburg ihr Dissertationsvorhaben. Dabei handelt es sich um eine klassische Rezeptionsgeschichte mit der vergleichenden Perspektive auf die im 18. Jahrhundert für Reformen der Volksschulbildung durch Heinrich Pestalozzi (1746-1827) entwickelte Methode der dreifach angesiedelten Elementarerziehung und der ebenfalls im 18. Jahrhundert entwickelten Bell-Lancaster-Methode (bekannt auch als Methode des wechselseitigen Unterrichts/Monitorialsystem). Letztere wurde unabhängig voneinander durch den anglikanischen Geistlichen Andrew Bell (1753-1832) und den Quäker Joseph Lancaster (1778-1838) entwickelt. Um sich den Forschungsfragen nach den regionalen und staatlichen Präferenzen für die jeweiligen Methoden, nach Hochburgen, Mischformen und Grenzgebieten zu nähern, sollen räumliche und zeitliche Verteilungsmuster ausgemacht und analysiert, sowie Kontextanalysen ausgewählter Gebiete vorgenommen werden. Das Plenum brachte die Frage nach der Möglichkeit von Präferenzen bezüglich einer Methode auf Basis unterschiedlicher Sprachen ein. Es wurde zu bedenken gegeben, dass ebenso nach der praktischen Plausibilität der jeweiligen Theorien gefragt werden müsse, denn diese könnte im Zusammenhang mit der gegebenen historischen Situation Hinweise darauf geben, warum eine Methode bevorzugt zum Einsatz kam. In diesem Zusammenhang sei auch die Unterscheidung zwischen Methoden der Unterrichtstheorie (Pestalozzi) und der Unterrichtsorganisation (Bell-Lancaster) zu berücksichtigen. Besonders viel Wert legte das Plenum auf eine genauere Eingrenzung des Themas.

Panel 2

a) Den ersten Block des zweiten Panels eröffnete Jakob Baier aus Kassel unter der Moderation von Joachim Scholz mit dem Vortrag Der „Bremer Plan“ zwischen gewerkschaftlicher Bildungspolitik und pädagogisch begründeten Bildungsreformen. Sein sich im Anfangsstadium befindendes Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit der Entstehung des später in der BRD gescheiterten „Bremer Plans“ als Produkt einer gewerkschaftlichen Debatte, in der verschiedene Akteursgruppen Einfluss auf die Ausrichtung des Plans nahmen. Der „Bremer Plan“, so stellte Baier in seinem Vortrag vor, war ein Reformpapier und eine Antwort auf den „Rahmenplan zur Umgestaltung und Vereinheitlichung des allgemeinbildenden öffentlichen Schulwesens“ (1959) und wurde von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände (AGDL) in Abgrenzung zu diesem Rahmenplan entwickelt. In ihm sollten praktische Inhalte in der Schulbildung stärker berücksichtigt und die Wertung in der Abgrenzung zwischen höherer Allgemeinbildung und praktischer Berufsbildung aufgehoben, sowie das Schulwesen vereinheitlicht werden. Baier verfolgt die Idee einer hermeneutischen Textanalyse der Primärquellen. Ziel ist es die Spaltung der verschiedenen Akteursgruppen und ihrer Argumente zu untersuchen und durch eine Netzwerkanalyse auch die innergewerkschaftlichen Konflikte darzustellen, um herauszufinden, welche Gründe für das Scheitern des Plans verantwortlich waren. In der anregenden Diskussion wurde die Arbeit zunächst eingeordnet als wichtiger Mosaikstein in der Forschung über Schulreformen in der BRD. Es wurde unterstrichen, dass der „Bremer Plan“ einem emanzipatorischen Anspruch folgte und sich durch die Gewerkschaft sehr stark auf die Arbeiterschaft und das Haupt- und Berufsschulwesen bezog, was Gründe dafür sein könnten, warum er in der DDR umgesetzt wurde, aber in der BRD scheiterte. Es wurde des Weiteren nach Parallelen zu heutigen Forderungen im Kontext von Schulreformen gefragt, denn die Forderungen des „Bremer Plans“ wiesen erhebliche Parallelen zur Idee der additiven Gesamtschule auf.

Im zweiten Vortrag Solidarität und Bildung – Zur Systematik (früh-) sozialistischer Bildungstheorien stellte Robert Pfützner aus Jena sein Promotionsprojekt mit dem Arbeitstitel Solidarische Bildung? Die Idee der Brüderlichkeit in der sozialistischen Bildungstheorie des langen 19. Jahrhunderts vor. Ziel des Dissertationsvorhabens ist die Erneuerung des Blickes auf sozialistische Bildungskonzepte des „langen“ 19. Jahrhunderts (ab der französischen Revolution bis vor den Ausbruch des Ersten Weltkrieges). Die Untersuchung folgt dem Ziel, zentrale aber in unterschiedlichen sozialistischen Bildungstheorien mehrdeutige Begriffe wie 'Gemeinschaftlichkeit' und 'Solidarität' zu erfassen. Mit Hilfe einer klassischhermeneutischen, interpretativen Arbeit möchte Pfützner das pädagogische Konzept sowie das der Theorie zugrundeliegende Menschenbild unterschiedlicher AutorInnen untersuchen. Die Beispiele der pädagogischen Ideen Klara Zetkins und Victor Considerants veranschaulichten im Vortrag die Vielfalt sozialistischer Ansätze. Die sich daran anschließende lebendige Diskussion machte deutlich, dass, wie Pfützner bereits teilweise im Vortrag eingeräumt hatte, klare Untersuchungskriterien entwickelt, Texte ausgewählt, Begriffe geklärt und klare Ziele formuliert werden müssten um das Projekt deutlicher zu konturieren. Im Plenum wurde empfohlen den Entstehungskontext der Texte in die Arbeit mit einzubeziehen um eine stärkere Systematik zu gewinnen.

b) Der zweite Vortragsblock des zweiten Panels wurde von Petra Götte moderiert. Nina Pietsch beleuchtete als erste Referentin in ihrem Vortrag Die Verwissenschaftlichung der „abnormen” kindlichen Seele. Fürsorgezöglinge im Spannungsfeld von Pädagogik und Psychiatrie im Wilhelminischen Kaiserreich am Beispiel der Heilerziehungsanstalt auf der Sophienhöhe bei Jena das Verhältnis von Pädagogik und Psychiatrie als konkurrierende und sich gegenseitig inspirierende Wissenschaften im Wilhelminischen Zeitalter. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie, welche Rolle die Zusammenarbeit von Pädagogen, Psychologen und Psychiatern im Rahmen der frühen Heilpädagogik für die Herausbildung einer professionellen Kinderpsychiatrie und akademischen Pädagogik gespielt hat, wobei sie sich exemplarisch auf das Wirken entsprechender Fachleute in der Heilerziehungsanstalt Sophienhöhe bei Jena und dort angebundene fachliche Netzwerke konzentriert. Dabei versteht sie die zeitgenössische Diagnose Psychopathischer Minderwertigkeit als eine soziale Konstruktion, die eine fachliche Zusammenarbeit von Psychologie und Pädagogik begünstigt hat. In der anschließenden Diskussion, wurde zur Debatte gestellt, ob es sich bei psychopathischer Minderwertigkeit und ähnlichen Diagnosen tatsächlich um eine soziale, oder nicht eher um eine kulturelle Konstruktion handle.

Lisa Sauer und Agneta Floth stellten daraufhin in einem gemeinsamen Vortrag ihre in einem vergleichend angelegten Kooperationsprojekt verbundenen Dissertationsprojekte Schulische Aussonderung in der Grundschule der BRD” und „Schulische Aussonderung in der Unterstufe in der DDR vor. Sauer und Floth haben es sich zur Aufgabe gemacht, durch die Auswertung ausschulungsrelevanter Gutachten aus beiden Schulsystemen, „Grenzzonen” zwischen regelschulfähigen und sonderschulbedürftigen Schülern sichtbar zu machen und der Frage nachzugehen, welche Faktoren die Grenzzonen bedingten. Dabei gehen sie den Fragen nach, ob man typische Zuschreibungen identifizieren kann, welche einen Verbleib im oder eine Ausgliederung aus dem Regelschulwesen notwendig begründeten, ob und wie diese Zuschreibungen einem Wandel unterworfen waren, ob und wie sie sich systembedingt unterschieden und welche Institutionen auf welche Weise in Aussonderungsverfahren eingebunden waren. Diskutiert wurden neben der Relevanz bzw. der Motivation des Projektes und der Vergleichbarkeit der beiden untersuchten Schulsysteme auch der Begriff der „Grenzzonen”, wobei darauf hingewiesen wurde, dass dieser u. U. durch bereits existierende Modelle der Kategorisierung ersetzt werden könne.

Panel 3

a) Im ersten Vortragsblock des dritten Panels führte Markus Gippert aus Berlin unter der Moderation von Jakob Benecke das Plenum zunächst in den allgemeinen, dann in seinen eigenen Forschungsschwerpunkt des von Sabine Reh und Joachim Scholz geleiteten DFG-Projektes Schülerzeitungen der 1950er und 60er Jahre in der BRD: Artefakte gymnasialer Schulkulturen und ihre Bedeutungswandel ein. Schülerzeitungen gab es seit Anfang des 20. Jahrhunderts und sie wurden nach der Zeit des NS von den Alliierten zwecks demokratischen und kooperativen Lernens gefördert. Der Bestand der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung beläuft sich auf ca. 7000 Hefte. Es stellt sich die Frage nach dem Selbstverständnis der Schülerzeitung und der Entwicklung desselben, sowie dem Wandel der Schülerzeitung im Laufe der Zeit. Gipperts Vortrag Politische Themen und politisches Selbstverständnis in westdeutschen Schülerzeitungen zwischen 1949 und 1968 thematisierte den Wandlungsprozess im politischen (Selbst-)Verständnis der Schülerzeitungsredakteure, den er in seiner Dissertation untersuchen möchte. Im Zentrum steht dabei die Verschiebung von einem politischen Gründungsanspruch von Schülerzeitungen durch die Alliierten zur Demokratisierung der Jugend hin zu einem der politischen Abgrenzung der Jugend zur erwachsenen Generation und Autonomisierung. Waren die Anfänge noch gekennzeichnet von dem distanzierten Sprechen über andere Schüler und schulpolitischen Themen, verknüpft mit einem konservativen Erscheinungsbild, das noch sehr von Druckvorgaben und Lehrervorstellungen geprägt war, entwickelte sich die Schülerzeitung zu einer Art Agitationsblatt allgemein politisch interessierter Gymnasiasten. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Schülerzeitung selbst der Politisierung in dieser Zeit Vorschub geleistet hat. Dazu strebt Gippert eine breite systematische Analyse des Archivmaterials an, die er mit Fallstudien des Quellenmaterials sowie Resultaten der von ihm geführten Interviews mit ehemaligen Schülerzeitungsredakteuren und ihren Biographieverläufen verknüpfen möchte. Das Vorhaben fand im Plenum breite Zustimmung und regte zu Fragen, wie z.B. nach dem Selbstverständnis der Redakteure als Elite, nach Zensur und Nutzung für die Politik des Kalten Krieges an.

Marcel Kabaum aus Berlin knüpfte an den ersten Teil des Panels mit seinem Forschungsvorhaben im Rahmen des von Sabine Reh und Joachim Scholz geleiteten DFGProjektes Schülerzeitungen der 1950er und 60er Jahre in der BRD: Artefakte gymnasialer Schulkulturen und ihre Bedeutungswandel an. Sein Schwerpunkt liegt in der Untersuchung des Artefakts 'Schülerzeitung' und seinem Wandel. Dieses Forschungsdesiderat möchte Kabaum füllen, indem er die Schülerzeitungen nicht als Medium, sondern in ihrer Materialität und der damit einhergehenden Symbolik analysiert. Dabei verknüpft Kabaum eine Auswertung des BBF-Quellenarchivs mit einer Untersuchung der ökonomischen und technischen Bedingungen, unter denen Schülerzeitungen produziert wurden, mit einer Untersuchung von konkurrierenden Jugendzeitschriften als Vorbildformate, mit Resultaten narrativ strukturierter Interviews ehemaliger Schülerzeitungsredakteure sowie mit Auswertungen von Experteninterviews ehemaliger Setzer in Druckereien. Die dabei leitende Frage ist, ob und inwiefern SchülerInnen eigene, jugend- und zeittypische Ausdrucksformen entwickelten. In der Diskussion waren vor allem zwei größere Fragen von Bedeutung. Erstens wurde die Möglichkeit der Trennung von Form und Inhalt in der Analyse diskutiert. Es schloss sich die Frage an, inwiefern sich bei dieser Trennung die Arbeit als ziehungswissenschaftliche ausweisen könne.

b) Im zweiten Vortragsblock des dritten Panels, moderiert von Wolfgang Gippert, vertrat Elija Horn als erster Referent in seinem Vortrag Indien als Erzieher? Orientialistische Diskurse in Kontexten deutschsprachiger Reformpädagogiken während der Zwischenkriegsjahre die These, dass Indien bzw. eine Idee des ,Indischen’ während des Untersuchungszeitraumes für mehrere einschlägige Reformpädagogen als Projektionsfläche für kulturelle, gesellschaftliche, besonders aber erzieherische Utopien diente. Anhand der biographisch-historischen Beispiele eines aus Indien stammenden Erziehers an der Odenwaldschule unter Paul Geheeb, eines auch reformpädagogischen Interesses am Wirken Rabindranath Tagores und unter Einbezug diskursanalytischer Erkenntnisse versuchte Horn besonders am Beispiel der Gründergeneration der Odenwaldschule nachzuvollziehen, dass Indien auch in zeitgenössischen reformpädagogischen Diskursen besonders in erzieherischen Kontexten als exotisches und orientalisiertes Ideal thematisiert wurde, wobei die Idee des Orientalischen eher als eine utopische Konstruktion, denn als eine Widerspiegelung des Realen aufgefasst werden muss. In der Diskussion interessierte neben der genauen Gestalt dieser Diskurse und neben ihren Akteuren auch die Frage, was unter einer solchen Idee des 'Indischen' genau zu verstehen sei.

Lonny Seyferth stellte im darauffolgenden Vortrag zu ihrem Dissertationsprojekt Adelheid (1884- 1968) und Marie Torhorst (1888- 1989) – Zwei Leben für die Weltlichkeit von Schule in der Weimarer Republik: die konzeptionellen Positionen – der bildungspolitische Kampf – das schulpraktische Engagement ihr Vorhaben vor, im Rahmen einer doppelbiographischen, thematischen Forschungsstudie einen Beitrag zur Aufarbeitung der bildungshistorischen Entwicklung einer rechtlich gestützten weltlichen Schule zu leisten. Auf Grundlage einer kritischen Quellenanalyse vollzieht sie dabei exemplarisch Leben und Wirken der Schwestern Torhorst nach, um deren Beitrag zu theoretischen, schulpraktischen und bildungspolitischen Debatten und Vorgängen sichtbar zu machen, die zu einer zunehmenden Verankerung von Weltlichkeit in Schule und Unterricht geführt haben. Diskutiert wurde die Problematik, inwiefern bei einer biographischen Annäherung an historische Entwicklungen eine notwendige fachliche Distanz gewahrt werden kann. Auch kam die Frage auf, inwiefern das Engagement der Geschwister Torhorst für eine weltliche Schule biographisch begründet werden kann.

Zweiter Tag – Panel 1

Das erste Panel des zweiten Tages stand unter der Moderation von Petra Götte. Ami Kobayashi gab Einblicke in Ergebnisse ihres kulturvergleichenden, bildungshistorischen und thematisch ausgerichteten Dissertationsprojekts Der Gang als politische Choreographie - (E)Motion zur Nationalstaatsbildung in Schulen in Deutschland und Japan (1873-1945). Sie begreift den Gang als emotionalen, persönlichen, sozialen und kulturellen Ausdruck eines Menschen und vertritt in Anlehnung an William Mc- Neill die These, dass eine Disziplinierung und Vereinheitlichung des menschlichen Gangs als Mittel zur Beförderung eines stark empfundenen Gruppengefühls begriffen werden kann. In diesem Kontext untersucht sie vergleichend für Deutschland und Japan pädagogische Diskurse und schulische Praktiken, vor allem aus den Bereichen der Feier, des Sports und militärischer Übungen, die auf eine bildungspolitische und erzieherische Nutzbarmachung einer Choreographie des Gangs hinweisen, mit dem Zweck, bei den Schülern Gefühle nationaler Einheit und Verbundenheit zu erwecken. In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, inwiefern Emotionen historisch erforschbar sind. Zudem wurde eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Formationserziehung nach Scholtz und Herrmann einerseits und mit kulturvergleichenden Studien der Max- Weber-Schule andererseits angeregt.

Im folgenden Vortrag definierte Jasper Nicolaisen in seinem Vortrag Pädagogik der Unschärfe. Fotografie als Paradigma pädagogischer Subjektivierung im postrevolutionären Mexiko Pädagogik als eine Einübung von Praktiken der Inszenierung und Selbstinszenierung und setzte sich unter dieser Voraussetzung mit Fotografie als einem Medium der Inszenierung und Selbstinszenierung auseinander. Dabei sprach er dem Begriff der „Unschärfe” maßgebliche Bedeutung zu, der die Überschneidung künstlerischer und politischer Intentionen markiert. Nicolaisen geht davon aus, dass das „unscharfe”, aber auf die Inszenierung des Selbst wirksame Medium Bild im Rahmen einer undeutlich definierten, also „unscharfen” Ideologie insbesondere bildungspolitisch und pädagogisch nutzbar gemacht werden kann. Er erläutert dies am Beispiel v.a. der Schulfotografie im postrevolutionären Mexiko. Dabei wurde der pädagogische Bezug in der Diskussion hinterfragt. Auch kam die Frage auf, inwiefern gerade die Entwicklung in Mexiko im genannten Untersuchungszeitraum als exemplarisch verstanden werden könne.

Der dritte Vortrag wurde von Eva Zimmer aus Würzburg über das Thema Schulische Wandbilder zwischen Wirtschaft, Politik und Pädagogik- Das Projekt Schulmann von 1925-1987 gehalten. Zimmer strebt eine explorative Analyse des Schulmann- Verlages an, der von 1925 bis 1987 Schulwandbilder angefertigt hat. Dabei möchte sie die Entwicklung des Verlages mit seinen internen und externen Abläufen in den Blickpunkt rücken, diese mit der Untersuchung exemplarischer Bildserien (als Längsschnittstudie), den Hintergründen der Künstler, der Produktion und der diese beeinflussenden Faktoren und Prozesse kontextualisieren und mit einer kritischen Quellenanalyse der verlagseigenen Zeitschrift verbinden. Zimmer stellte die These auf, dass eine solche Analyse einen erweiterten Blick auf die historische Entwicklung des didaktischen Mediums Schulwandbild ermögliche. Das Verlagsprogramm des „Schulmanns“ gab an, jede Schule ausstatten zu wollen, weswegen eine möglichst kostengünstige Beschaffung bei relativ hoher Qualität angestrebt wurde. Der „Schulmann“ hat viele westliche Schülergenerationen geprägt, somit könnte für die historische Bildungsforschung der aus der Untersuchung des Schulmanns abzulesende Bildungskanon von großem Interesse sein. Das Plenum gab der Vortragenden den Hinweis, Ähnlichkeiten im britischen Raum zu suchen, in dem Wandbilder ebenso zum Repertoire gehör(t)en. Es kam die Frage auf, wie genau die Verbindung zwischen Verlagsarbeit und Fachdidaktik ablief. Die Frage über die analytische Fragestellung der Arbeit wurde in der Diskussion auf die Formulierung der 'Steuerungsfaktoren des Angebotes und der Nachfrage der Bildproduktion' des Schulmaterials gebracht und die Verbindung von Diskursanalyse und Bildanalyse mit ihrer Kontextualisierung befürwortet.

Panel 2

Das zweite Panel des zweiten Tages eröffnete Thomas Ruoss aus Zürich unter der Moderation von Jörg W. Link mit seinem Vortrag über sein Dissertationsprojekt Historische Analyse zur Funktion von Datenerhebungen in expandierenden städtischen Schulsystemen der Schweiz (1890-1920), aus dem er erste Ergebnisse aus der Untersuchung der Entwicklungen in der Stadt Zürich präsentierte. Ruoss geht der Frage nach der Funktion statistischer Datenerhebung aus der Zeit der Urbanisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz nach. Dabei unterteilt er die Funktionen der Datenerhebungen in unterschiedliche Bereiche, wie politische Argumente, Wissensbasis zur Verwaltung und Planung städtischer Schulsysteme und Mittel zur Erzeugung und Festigung sozialer Tatsachen durch die spezifische statistische Repräsentation. Im Vortrag stellte Ruoss die These auf, dass die Datenerhebungen nicht der Wissensgenerierung für den Ausbau des Schulsystems dienten, sondern vor allem als politische Argumente genutzt wurden, um politischen Einfluss auf Lehrer und damit auch auf die Erziehungspraktiken auszuüben. Es wären z.B. quantitative und qualitative Methoden gemischt worden, um politische Maßnahmen durchsetzen zu können. Durch Datenerhebungen wurden Dispensbestrebungen immer wieder abgelehnt, was, wie Ruoss zeigte, auf politische Ziele zurückzuführen war. In der Diskussion wurde auf die Tatsache verwiesen, dass diese Forschungsfrage auch besonders bei politischen Umbruchsituationen interessant sei. Auch lohne sich ein Blick auf die Stadt Leipzig im Hinblick auf die Geschichte der Datenerhebungen in diesem Kontext. Es kam die Frage nach dem Widerstand gegen die Datenerhebungen auf. Diesen habe es vor allem gegen Fragen zur Berufswahl und zum Privatleben gegeben.

Mit dem zweiten Vortrag des Panels stellte Jasmin Behrensmeier aus Bielefeld ihr Dissertationsthema Die Entstehung und Entwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts im preußischen höheren Schulwesen des 19. Jahrhunderts vor. Sie möchte in ihrer Arbeit der Frage nachgehen, warum es das gesamte 19. Jahrhundert hindurch gedauert habe, bis sich der naturwissenschaftliche Unterricht im höheren Schulwesen durchsetzen konnte. Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, durch die Folgen des industriellen Aufschwungs, habe sich der naturwissenschaftliche Unterricht neben den geisteswissenschaftlichen Fächern an Gymnasien und als Vorbereitung zum Universitätsstudium etablieren können. Behrensmeier stellte in ihrem Vortrag die These auf, der Widerstand der bereits geisteswissenschaftlichen Fachkultur gegen die angestrebten kulturellen und sozialen Veränderungen, die bewusste Fachpolitik (Dopplung von Bildung und Forschung), sowie das gegenseitige Blockieren der Geistes- und Naturwissenschaften könnten Gründe für den langen Prozess gewesen sein. Für die Arbeit angestrebt wird eine Verbindung von Diskursanalyse und Untersuchung des politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Kontextes der sozialen Akteure. Das Plenum wies auf einen differenzierteren Umgang mit der Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften hin, ebenso auf die Schwierigkeit einer „theologischen Fragestellung“, weil es evident wäre, dass die Einführung des naturwissenschaftlichen Unterrichts ein kulturelles Phänomen sei. Die Lösung wurde in der genaueren Betrachtung der Akteure gesucht. Man könne auch einen Vergleich z. B. mit Frankreich heranziehen, so dass übergeordnete Wertvorstellungen und strukturelle Konstruktionen, die sich in ihnen widerspiegelten, sichtbarer werden könnten.

Den die Tagung abschließenden Vortrag hielt Michaela Vogt aus Würzburg unter der Moderation von Petra Götte mit dem Titel Die Methode der Historisch-kontextualisierenden Inhaltsanalyse. Sie stellte mit ihrem Vortrag den Versuch eines neuen methodischen Zugangs für die historische Bildungsforschung vor, der eine Synthese und Weiterentwicklung der Ideen der historischen Diskursanalyse (Landwehr 2008) sowie qualitativen inhaltsanalytischen Verfahren darstelle. Vogt stellt die Frage nach der Notwendigkeit einer allgemeinen Methodendiskussion und der Konstruktion eines „Handwerkszeugs“ in der historischen Bildungsforschung angesichts der steigenden Anforderungen an empirische Untersuchungen. In ihrem Vortrag veranschaulichte sie zunächst methodische Grundlagen der historischen Diskursanalyse Achim Landwehrs und der qualitativen Inhaltsanalyse Philipp A.E. Mayrings in einem Schaubild, um daraufhin deren Stärken und Schwächen sichtbar und vergleichbar zu machen und Probleme zu formulieren, die sich konkret in einer Forschungsarbeit ergeben könnten. Daran schloss Vogt ihre kurze Einführung in die historisch-kontextualisierende Analyse an und stellte sie zur Diskussion. Das interessierte Plenum stellte neben konkreten Anwendungsfragen auch zur Debatte, wie viel Hoffnung an eine Methodenfrage gehängt werden könne, ob es nicht in der historischen Bildungsforschung viel mehr um die Exaktheit einer Forschungsfrage und um einen plausiblen und gut abgesteckten Quellenkorpus ginge. Vogt erwiderte, dass eine elaborierte Methode, die den wissenschaftlichen Gütekriterien entspreche, die Möglichkeit zur besseren Bearbeitung des Inhaltlichen eröffne.

Allen TeilnehmerInnen wurde mit dieser Nachwuchstagung die Möglichkeit zu thematischem und auch persönlichem Austausch geboten. Die 16 Vorträge und vier Poster boten einen eindrucksvollen Einblick in die Vielfalt der Studien der historischen Bildungsforschung. Die sich an die Vorträge anschließenden Diskussionen forderten die TeilnehmerInnen zu einem hohen Maß an inhaltlicher und auch methodischer Auseinandersetzung heraus. Wir danken Dr. Petra Götte und Dr. Jörg-W. Link für die gelungene Organisation, der BBF für die schöne Führung durch die Bibliothek und Frau Löwe für die gute und liebevolle Verköstigung.

Schlagwörter: Bildungsgeschichte; Nachwuchsförderung; Tagung
Eingetragen von: barkowski@dipf.de
Erfassungsdatum: 25. 11. 2014
Korrekturdatum: 25. 11. 2014