HBO Datenbank - Rezension

Rezensent(in): Glaser, Edith
Rezensiertes Werk: Koinzer, Thomas: Auf der Suche nach der demokratischen Schule : Amerikafahrer, Kulturtransfer und Schulreform in der Bildungsreformära der Bundesrepublik Deutschland. - Bad Heilbrunn : Klinkhardt, 2011. - 279 S.; (Klinkhardt Forschung); ISBN 978-3-7815-1811-7 ; 3-7815-1811-6
Erscheinungsjahr: 01/2012
zusätzl. Angaben zum Rezensenten:
Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Kassel

E-Mail: eglaser@uni-kassel.de
Text der Rezension:

Der Blick in die Fremde und der Besuch in der Fremde ist nicht erst seit dem PISA-Schock für viele Pädagoginnen und Erziehungswissenschaftler ein gewohntes Vorgehen, um „das Ausland als Argument“ (Bernd Zymek) für Reformvorschläge im eigenen Land zu nutzen.[1] Waren es im letzten Jahrzehnt vor allem wissenschaftliche Exkursionen in finnische Schulen, so wirkten Reisen deutscher Bildungsreformer in den späten 1950er-Jahren nach England und Schweden auf Bildungsreformprogramme, welche dann im Wesentlichen vom Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen weiter ausgearbeitet wurden. Mit den Exkursionen in die US-amerikanische Bildungslandschaft und ihrer Aufbereitung in der pädagogischen und politologischen Presse der Bundesrepublik Deutschland befasst sich die jetzt in überarbeiteter und gekürzter Fassung erschienene Habilitationsschrift des Berliner Erziehungswissenschaftlers Thomas Koinzer. Dem Verfasser geht es dabei um die „Wahrnehmungen von der ‚guten‘, der ‚demokratischen‘ Schule der USA“ (S. 12) und der Vermittlung dieser Kenntnisse und Erfahrungen in den Bildungsreformdiskursen der 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Geleitet ist die Bearbeitung des Themas von der These, dass die „westdeutsche Schulreform und der pädagogisch/erziehungswissenschaftliche Diskurs in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts […] von der pädagogischen Faszination Amerikas gelebt“ (S. 12) habe. Für die Überprüfung dieser Behauptung wertete Koinzer umfangreiche Archivbestände im Frankfurter Institut für Sozialforschung, im Archivzentrum der Universität Frankfurt am Main, beim American Jewish Committee und in weiteren Stiftungen in New York sowie in Deutschland aus. Die Berichterstattung über diese Amerikareisen in drei pädagogischen Zeitschriften sowie in einer politologischen Fachzeitschrift ist weiteres Quellenmaterial.

Vor der Präsentation der Quellenanalysen wird der terminologische und theoretische Bezugsrahmen ausgebreitet. Das erste Kapitel widmet sich zum einen der Bestimmung von „guter Schule“, „gutem Unterricht“ und „guten Lehrern“, wofür vor allem auf Helmut Fend und auf Wolfgang Klafki als „Kronzeugen“ Bezug genommen wird. Für die Klärung der Frage, wie im Ausland gewonnenes Wissen und gemachte Erfahrungen im Inland in die pädagogischen und bildungspolitischen Diskurse eingebracht werden, wie ein pädagogischer Kulturtransfer sich vollzogen haben könnte, bezieht Koinzer sich auf das von David Phillips und Kimberly Ochs vorgestellte Konzept des „Educational Borrowing“[2] sowie auf die Überlegungen von Gita Steiner-Khamsi zu „lokalen Adaptionen und Modifikationen“ fremder Erfahrungen.[3] Aber da es nicht nur darum geht, sondern der Verfasser sich vielmehr auch für die Akteurinnen und Akteure des Transfers interessiert, analysiert er im zweiten Kapitel die Reisegruppe.

Amerika-Reisen gab es nach 1945 im Rahmen des Re-Education-Programms bereits viele. Für Studierende, Lehrer, Politiker, Gewerkschaftler etc. waren sie angeboten worden. Koinzer konzentriert sich auf eine ganz bestimmte Gruppe, die „German Education Mission“. Hier fanden jene 127 Personen zusammen, die nach den Hakenkreuzschmierereien 1959/60 aufgrund der Initiative und der Kontakte von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zum American Jewish Committee, auf dessen und anderer Stiftungen Kosten bis Anfang der 1970er-Jahre zu vier- bis achtwöchigen pädagogischen Exkursionen in die USA aufbrachen. Dem Studienbüro für politische Bildung am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und dem Institute of International Education in New York oblag die Organisation der Studienreisen. Ein „Kader der Aufklärung“ sollte – so die Initiatoren – aus den Reisegruppen entstehen und dieser sollte die „Schule der Demokratie“ nach Deutschland tragen. Daher konzentrierte sich der Kreis der Teilnehmer – nur sehr wenige Frauen nahmen teil – auf Lehrer und Schulverwaltungsbeamte, auf einige Vertreter pädagogisch ausgerichteter Verlage sowie auf Professoren und Dozenten aus didaktischen, erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Fachgebieten. Die jährlichen Reiseprogramme berücksichtigten weitgehend die Interessen der Teilnehmer und führten nicht nur in die Klassenzimmer der Comprehensive High Schools, sondern auch in Teacher Training Colleges und Forschungsinstitute zwischen New York und San Francisco. Das vor Ort erworbene Wissen und die mitgebrachten Anschauungen pädagogischer Praxis formierte – gewiss auch aufgrund der unterschiedlichen pädagogischen Vorerfahrungen – keine homogene Perspektive auf die amerikanische Bildungslandschaft.

Der Verarbeitung der Eindrücke der Amerikafahrer in Vorträgen, Reiseberichten, Aufsätzen und Monographien ist Gegenstand des dritten Kapitels. Um die vielfältigen Formen der Aufzeichnung systematisch auswerten zu können, seien „diese induktiv wie deduktiv kategorisiert“ (S. 104) und unter den drei Merkmalen Schulstrukturen, Schulkulturen und Bildungsforschung geordnet worden. Die unmittelbaren Reaktionen bewegten sich zwischen Bewunderung und Unbehagen, seien aber von einem „positiven Grundton getragen“ (S. 198) worden. Als eine „reflektierte Form“ (S. 131) der Bezugnahme auf die Reiseerfahrungen wertet Koinzer Aufsätze und Monographien aus. Auch hier zeigen sich wieder Ambivalenzen: So stand die Anerkennung des sozialen Miteinanders neben der Kritik an der unzureichenden Wissensvermittlung. Gerade diese Widersprüchlichkeit führte dann dazu, dass die Amerikafahrer die „Schule der Demokratie“ nicht als Schablone für die Bildungsreformbestrebungen in Deutschland sehen konnten und wollten. Ihnen sei bei der Bildungsreise vielmehr die Vielfältigkeit moderner Schulentwicklung vor Augen geführt worden.

In einem weiteren Schritt wendet sich Koinzer dem Amerikabild in jenen pädagogischen und politologischen Zeitschriften zu, in denen die Amerikafahrer vorrangig publizierten, und untersucht dafür die wissenschaftlichen Beiträge aus den Jahren zwischen 1960 und 1974. Er orientiert sich hierfür wieder an den im vorangegangenen Kapitel entwickelten Leitbegriffen. Als ein Ergebnis arbeitet er heraus, dass die von den Nicht-Amerikafahrern diskutierten Themen (Heterogenität der USA, High School und Unterrichtsmethoden) nicht von denen der Amerikafahrer abwichen. Aber in der Pointierung der Argumentation dominierten gesellschaftliche und soziale Probleme des Landes, schulpädagogische Erfolge wurden nicht weiter beachtet. Somit entwertete diese Gruppe „zusätzlich nicht unwesentlich die amerikanische ‚Schule der Demokratie‘ als Vorbild für die deutsche ‚demokratische‘ Schule“ (S. 239).

In seiner abschließenden Wertung des von Adorno und Horkheimer angestrebten Kulturtransfers aus der „Schule der Demokratie“ in eine demokratische Schulreform greift Koinzer nochmals die Frage nach dem „Zusatzsinn“ auf. Er zeigt zum einen, dass die Reise in die Fremde die Möglichkeit eröffnet hatte, sich mit den Unzulänglichkeiten des deutschen Schulwesens zu befassen, und behauptet zum anderen, dass diese Studienreisen erst eine wissenschaftliche Schulentwicklung und eine evidenzbasierte Schulforschung bewirkt hätten. Auch hätten die Exkursionen dazu geführt, dass die Amerikareisenden als Gruppe, aber auch die einzelnen Teilnehmer ihre schulpädagogische oder bildungspolitische Positionierung in der Reflexion der Eindrücke und des Wissens wesentlich geschärft haben.

Es ist zweifelsohne ein Verdienst von Thomas Koinzer, einen neuen Quellenbestand für die jüngste Bildungsgeschichte erschlossen und eine Gruppe von pädagogischen und bildungspolitischen Akteuren der 1960er- und 1970er-Jahre in dem neuen Kontext Amerikareisen bestimmt zu haben. Es gelingt ihm dabei, den Kulturtransfer für den pädagogischen Bereich exemplarisch differenziert zu analysieren. Damit ist ein erster Anfang gemacht, denn nach der Lektüre der Monographie tun sich – neben einigen kritischen methodischen Anmerkungen – doch noch einige Fragen auf. Sie konzentrieren sich vor allem auf das Netzwerk der Amerikafahrer und seine Wirkung. Namen und Profession sind über mehrere Seiten (nicht sehr übersichtlich) aufgeführt, aber Hinweise auf die Zusammensetzung der jährlichen Reisegruppen sind nur verstreut zu finden, genauso wie Hinweise auf die Mitwirkung dieses „Kaders der Aufklärung“ im Bildungsreformprozess der 1960er- und 1970er-Jahre. Denn erst wenn dieser Zusammenhang geklärt ist, kann die Ausgangsthese von der Faszination des pädagogischen Amerikas für die Strukturreform im deutschen Bildungswesen belegt oder ihr begründet widersprochen werden.


Anmerkungen:

[1] Bernd Zymek, Das Ausland als Argument in der pädagogischen Reformdiskussion. Schulpolitische Rechtfertigung, Auslandspropaganda, internationale Verständigung und Ansätze zu einer Vergleichenden Erziehungswissenschaft in der internationalen Berichterstattung pädagogischer Zeitschriften, 1871-1952, Ratingen / Kastellaun 1975.

[2] David Phillips / Kimberly Ochs (Hrsg.), Educational Policy Borrowing. Historical Perspectives. Oxford Studies in Comparative Education, Oxford 2004.

[3] Gita Steiner-Khamsi (Hrsg.), The Global Politics of Educational Borrowing and Lending, New York 2004.

Fussnote:

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von Wolfgang Gippert.

© 25.01.2012 by HBO, alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Schlagwörter: Bildungsgeschichte; Rezension; Bildungsreform; Demokratische Schule; Lehrerbildung; Studienreise; USA; Deutschland
Eingetragen von: barkowski@dipf.de
Erfassungsdatum: 25. 01. 2012
Korrekturdatum: 25. 01. 2012