HBO Datenbank - Bericht

Autor: Jodda-Flintrop, Stefanie; Horlacher, Rebekka
Titel: Tagungsbericht 7. Forum junger Bildungshistoriker – Nachwuchstagung 2008 der Sektion Historische Bildungsforschung in der DGfE
Erscheinungsjahr: 12/2008
Text des Beitrages:
Das Forum junger Bildungshistoriker hat sich als bildungshistorischer Treffpunkt etabliert. Davon zeugen sowohl die 14 Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz als auch die ansehnliche Zahl an Zuhörenden der diesjährigen Tagung. Das siebte Forum fand erstmals unter einer neuen Leitung statt: Petra Götte ersetzt Uwe Sandfuchs. Auch unter der (teilweise) neuen Leitung (Jörg-W. Link steht für die Kontinuität) kann das diesjährige Forum als gelungene Veranstaltung bezeichnet werden.

Das große Interesse, auf welches die Tagung schon seit längerem stößt, hatte zur Folge, dass bei der diesjährigen Veranstaltung die Vorträge erstmals in zwei parallelen Gruppen durchgeführt wurden. Dadurch musste man sich zwar jeweils für eine bestimmte Gruppe entscheiden, diese Organisationsform hatte aber den unbestreitbaren Vorteil, dass genügend Zeit für ausführliche Diskussionen zur Verfügung stand.

Jasmin Schäfer (Berlin) untersucht in ihrem kunsthistorischen Dissertationsvorhaben das Motiv des spielenden Kindes in der Edukationsgrafik Daniel Chodowieckis. Sie geht dabei davon aus, dass die Grafik nicht einfach als Illustration des Textes verstanden werden soll, sondern dass – was am Beispiel von Basedows Elementarwerk veranschaulicht wurde – die Grafik über den Text hinausweist. Die Philanthropen sahen die Illustration als neues Mittel der Didaktik und setzten diesen in ihren Publikationen auch entsprechend ein. Damit kann diese Arbeit als bestes Beispiel dafür angesehen werden, wie fruchtbar und anregend es sein kann, wenn Nicht-Erziehungswissenschaftler sich mit bildungshistorischen Fragestellungen auseinandersetzen.

Susanne Spieker (Hamburg) stellte ein Projekt vor, das sich mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen die „Erfindung“ von Amerika auf die pädagogische und erziehungswissenschaftliche Diskussion hatte. Als Studienbeispiele standen drei verschiedene Quellenbestände zur Diskussion, beim ersten handelt es sich um Reiseberichte von spanischen Jesuitenpatres des 16. und 17. Jahrhunderts über Mittelamerika, der zweite konzentrierte sich auf zwei Schriften John Lockes, der dritte war der Locke-Rezeption in der (deutschen) Aufklärung gewidmet. In der Diskussion wurde deutlich, dass das Vorhaben in der vorliegenden Form noch auf eine bearbeitbare Größe zurückgestutzt werden muss, umso mehr Zustimmung fand der Untersuchungsgegenstand und die Fragestellung, die beide zu weiteren Forschungen anregten.

Das Dissertationsprojekt von Franziska Timm (Berlin) ist in einem gewissen Sinne eine Fortführung ihrer preisgekrönten Magisterarbeit. Nachdem in dieser Arbeit das Augenmerk eher auf der Antike lag, möchte sie in dem hier vorgestellten Forschungsprojekt untersuchen, wie der „pädagogische Eros“ in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielt. Die Arbeit, welche eingebettet ist in ein größeres Forschungsvorhaben (Geschichte der Gefühle, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), soll das Thema auf vier Untersuchungsebenen erforschen: im erziehungswissenschaftlichen Diskus, in der pädagogischen Ratgeberliteratur, in der autobiographisch beeinflussten Literatur sowie in realhistorischen Fällen, wobei in der Diskussion hauptsächlich auf die Schwierigkeiten bei der Realisierung der vierten Ebene hingewiesen wurde.

Torben Kneisler (Lüneburg) widmet sich in seiner Arbeit der Rezeptionsentwicklung der Forschungsschule Piagets. Sein methodischer Zugang weist ihn als „Lüneburger Schüler“ („Lange Wellen“) aus. Dabei wurde deutlich, dass Tabellen, Grafiken und Kurven zwar sehr eindrückliche Bewegungen symbolisieren, bestimmte hermeneutische, kategoriale und interpretative Probleme aber zuerst gelöst werden müssen, bevor „gezählt“ werden kann. Beim vorliegenden Projekt fokussierten sich die Probleme auf die Frage, was genau unter „Wirkung“ verstanden werden könne, wie sich eine „Fundstelle“ definieren lasse oder ob und wenn ja wie, von einer „Piaget-Schule“ gesprochen werden kann. Mit diesen Fragen wurde aber auch deutlich, dass die Skepsis gegenüber einer empirisch-historischen Bildungsfor-schung „Lüneburger Provenienz“ weit verbreitet ist, dies vor allem dann, wenn sich diese nicht mit der aktuellen bildungs- und erziehungsphilosophischen Fachdiskussion produktiv auseinander setzt.

Susanne Barth (Trier) bot einen breiten Einblick in ein weitgehendes unerforschtes Gebiet innerhalb der historischen Bildungsforschung: die Vortragstätigkeit der Wanderlehrer im 19. Jahrhundert. Dabei konnte sie zeigen, wie vielfältig einerseits das Tätigkeitsfeld der Wanderlehrer im 19. Jahrhundert war, andererseits wurde auch deutlich, dass sich in dieser Vielfältigkeit Probleme verbergen. Quellen zur Vortragstätigkeit müssen mühsam zusammengesucht werden, die aufwändige Recherche zwingt zu einer starken geographischen Einschränkung, so dass das Phänomen eher als mikrohistorische Studie zu bearbeiten ist, denn als Überblick über die Vortragstätigkeit der Wanderlehrer.

Nina Grabe (Göttingen) plant eine disziplingeschichtliche Dissertation, die untersuchen möchte, wie sich die Geragogik innerhalb der Erziehungswissenschaft zur eigenständigen Teildisziplin entwickelte. Über eine enge disziplingeschichtliche Fragestellung hinaus interessiert sie die Frage, weshalb „Alter“ nach dem zweiten Weltkrieg eine verstärkte Aufmerk-samkeit erhalten hat, wie sich der Diskurs über Alter verändert hat und welche disziplinären Felder Anregungen für die Altersforschung gaben und geben. Nur über die Klärung dieser Fragestellung Fragestellung, so ihre These, kann der Emanzipationsprozess der Geragogik überhaupt in den Blick genommen werden.

Anne Bosche (Zürich) stellte ihr Dissertationsvorhaben über die schweizerische Schulsteuerung zur Zeit der Bildungsexpansion vor. Sie untersucht in ihrer Arbeit Planung und Durchführung bildungspolitischer Reformprojekte im Kanton Zürich anhand der pädagogischen Arbeitsstelle am Pestalozzianum und der Pädagogischen Abteilung der Erziehungsdirektion. Gefragt wird nach den Bildungsreformen, die aus den Arbeiten beider Institutionen resultieren. In ihrem Vortrag referierte Bosche über die Tätigkeitsbereiche beider Institutionen. Ihre Untersuchung wird die Wirkung von Bildungsreformen anhand einer überschaubaren Region exemplarisch darstellen. Ein interessantes Forschungsthema vor dem Hintergrund des immer aktuell bleibenden Problems des Bildungswachstums.

Karin Manz (Zürich) befasst sich in ihrem Dissertationsprojekt mit der schweizerischen, interkantonalen Schulkoordination am Beispiel des Schulkonkordates (Staatsvertrag) von 1970. Sie fragt nach bildungspolitischen Strategien, Handlungen und Mechanismen zum Schulkonkordat im Zeitraum von 1965 bis 1985. Daran will sie herausarbeiten, wie sich politische Entscheidungen entwickeln, propagieren und implementieren. In ihrem Vortrag stellte sie einzelne Akteure und Netzwerke der schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren vor. Zu ihrer Frage nach den Handlungsspielräumen der Akteure, erteilte das Plenum den Ratschlag, streng zwischen Individuen und Institutionspositionen zu trennen und gab zudem Hinweise zur Netzwerkanalyse.

Der Kunstpädagogik in Forschung und Lehre an niedersächsischen Hochschulen widmet sich Christine Knoll (Hildesheim) in ihrer Dissertation. Dort untersucht sie Berufsbiographien der Kunstpädagogiklehrenden zwischen 1945 und 2006. Sie interessiert sich für die professionelle Entwicklung der Hochschullehrer und fragt, ob diese auf Bestehendes zurückgriffen oder Neues ausprobierten. Damit rekonstruiert sie die Entwicklung der Forschungs- und Lehrinteressen. Auf der Nachwuchstagung stellte sie ihre ersten Untersuchungsergebnisse über Biographien von Hochschullehrenden der Universität Hildesheim vor. In der Diskussion wurde der Referentin, geraten ihre Fragestellung zu konkretisieren, um nicht zu viele verschiedene Felder und unterschiedliche Kontexte bearbeiten zu müssen.

Jeanette Bair (Tübingen) will in ihrer Dissertation die Eingliederung deutschstämmiger Flüchtlinge in der Nachkriegszeit untersuchen. Ihr Interesse richtet sich auf die aus ehemaligen deutschen Gebieten nach Westdeutschland geflohenen Kinder und Jugendlichen. Anhand von narrativen Interviews will sie Informationen über deren Lebenssituationen im Herkunfts- sowie Aufnahmegebiet, den Migrationsprozessen und Fremdheitserfahrung sammeln. Insbesondere interessiert sie der Beitrag, den die Schule für den Integrationsprozess leistete. Da sie gerade damit beginnt die Fragestellungen ihres Dissertationsvorhabens zu konkretisieren und das methodische methodische Vorgehen zu planen, konnten ihr die Diskussionsteilnehmer hilfreiche Hinweise zum zielorientierten Arbeiten geben.

Steffi Koslowski (Greifswald) untersucht in ihrer Dissertation den Beitrag der Zeitschrift „New Era“ zur Internationalität der Reformpädagogik im 20. Jahrhundert. „New Era“ diente als Kommunikations- und Kooperationsmedium der weltweiten Vernetzung pädagogisch Interessierter. In ihrem Vortrag stellte Koslowski die Zielstellung, Bedeutung und Relevanz der Zeitschrift hinsichtlich ihrer Förderung pädagogischer Internationalität vor. In der anschließenden Diskussion wurde der Referentin empfohlen auch auf die Organisationsebene der Zeitschrift näher einzugehen. Zu fragen wäre hier nach den Geldgebern, dem Führungsan-spruch und den Autoren. Interessant ist, wer festlegte, was veröffentlicht wurde und was nicht, denn möglicher Weise wurde dadurch eine Kanonisierung produziert.

Sebastian Pumberger (Wien) war der einzige Teilnehmer der Nachwuchstagung, der die Planung seiner Magisterarbeit vorstellte. Dort befasst er sich mit den Österreichischen Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA). Mittels Raumtheorie will er deren Schulgebäude anhand von Gebäudegrundrissen analysieren. Seine These lautet, dass die räumliche Ausgestaltung der Schulen ein Gefühl von Überwachung und Kontrolle der Jungmannen ausstrahlte. Vor der geplanten Raumanalyse betreibt er Grundlagenforschung über die NPEA in Österreich. Erste Ergebnisse stellte er in seinem Vortrag vor, u.a. Statistiken über Schülerzahlen und Konfessionen der NPEA-Schüler. Die Diskussionsteilnehmer rieten ihm in seinen Raumuntersuchungen zwischen NPEA in ehemaligen Kadettenanstalten und in ehemaligen Klöstern zu differenzieren.

Der Topographie des Schulraums widmete sich der Beitrag Daniel Blömers (Braunschweig). Er fragt in seiner Dissertation nach dem Zusammenhang von Pädagogik und Raum am Beispiel ausgewählter Gesamtschulbautypen in Braunschweig. Von Interesse ist die Umsetzung pädagogischer Konzepte und deren Beeinflussung durch die Raumgestaltung. Dazu stellte er in seinem Vortrag drei Typen räumlicher Unterbringung gegenüber: Gesamtschulen (GS) in einem Schulneubau, GS in nicht als Schule geplantem Gebäude und GS in einer vorhandenen Schule. Mittels des Vergleichs will er Aussagen über Kontinuität und Wandel räumlicher Settings treffen. Spannend ist die pädagogische Nutzung und Funktion von Raum, Material und Form auf der Bedeutungsebene von Objekten, vor allem vor dem Hintergrund dessen, dass Schulbauten insofern wandelbar sein müssen, dass sie pädagogischem Wandel gerecht werden müssen.

Daniel Oelbauer (Starnberg) stellte seine abgeschlossene Dissertation über Lehrmittelausstellungen und Schulmuseen vor. Lehrmittelausstellungen existierten hauptsächlich im 19. Jahrhundert bis 1945, Schulmuseen dagegen gibt es seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Für seine Untersuchung nahm sich Oelbauer alle Schulmuseen und Lehrmittelausstellungen in Bayern vor und analysierte diese literarisch, empirisch und archivalisch. Seine Ergebnisse: Lehrmittelausstellungen dienten der Beratung und Information über aktuell gebräuchliche Lehrmittel, waren eine Art Messe und Verkaufsraum von Lehrmaterialien für Lehrer. Schulmuseen dagegen sammeln, bewahren, forschen und vermitteln Wissen über historische Lehrmittel. Einzige Parallelen die er für beide Institutionen fand waren die Finanzierung und das Engagement von Lehrern.

Die Nachwuchstagung war eine gelungene Veranstaltung, die den Teilnehmern Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch und Platz für anregende Diskussionen bot. Zwar befindet sich der Großteil der Arbeiten noch im Anfangsstadium, dennoch wurde allen Teilnehmenden konstruktive Kritik und Anregung geboten. Erfreulicherweise präsentierten die vorgestellten Dissertationsprojekte ein breites Spektrum an Themen und Fragestellungen. Dieses reichte von kunstgeschichtlichen Arbeiten aus dem 18. Jahrhundert über international vergleichende Fragestellungen bis zu aktuellen disziplinpolitischen Fragestellungen. Aufgrund der unterschiedlichen disziplinären Herkünfte der Referierenden wurde zudem auch deutlich, dass Historische Bildungsforschung durchaus kein alleiniges Thema der Erziehungswissenschaft ist. Diese Entwicklung, weg von der Orientierung an der Disziplin hin zu einer Orientierung am Gegenstand, ist sehr zu begrüßen.

Für die Planung und Organisation sei nochmals Jörg-W. Link (Potsdam) und Petra Götte (Köln) gedankt, und nicht zu vergessen gilt weiterer Dank der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung dafür, dass sie die Räumlichkeiten für die Tagung zur Verfügung stellte.
Fussnote:
Anmerkung der Organisatoren:

Die ersten 6 Foren wurden von Uwe Sandfuchs (Dresden) und Jörg-W. Link (Potsdam) organisiert. Uwe Sandfuchs hat nach seiner Emeritierung das Staffelholz an Petra Götte (Köln) weiter gegeben. Das neue Team dankt Uwe Sandfuchs für sein jahrelanges Engagement und die konstruktive sowie freundschaftliche Zusammenarbeit
Schlagwörter: Bildungsgeschichte; Schulgeschichte; Pädagogikgeschichte; Deutschland; Österreich; Schweiz; Tagungsbericht
Eingetragen von: barkowski@bbf.dipf.de
Erfassungsdatum: 09. 12. 2008
Korrekturdatum: 10. 12. 2008