HBO Datenbank - Projekt

Projektleiter, Anprechpartner: Caruso, Marcelo; Wiegmann, Ulrich
Name des Projektes: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 20 (2014): Call for Papers für die Teile Schwerpunkt – Abhandlungen – Quelle
Vorauss. Abschluss: 03/2014
E-mail: marcelo.caruso@hu-berlin.de
Darstellung des Forschungsvorhabens:

1. Schwerpunkt Maschinen und Mechanisierung in der Bildungsgeschichte: Apparate, Mythen und Prozesse, unter redaktioneller Leitung von Christian Kassung und Marcelo Caruso

Maschinen bewegen sich von selbst. Sie verfügen über einen eigenen Antrieb, sie sind auf bestimmte Funktionen programmiert, und sie stellen die Grenzen zwischen Natur und Kultur umso radikaler in Frage, je autonomer sie agieren. Genau hierin begründet sich ihre Ambivalenz, ihr zugleich faszinierendes wie beunruhigendes Wesen. Die Faszination der Maschinen geht mit der Geschichte ihrer ständigen Verbesserung, der Erweiterung und Veränderung ihrer Anwendungsbereiche einher, wird aber dadurch zugleich zu einer Bedrohung der Autonomie des Menschen. Die Existenz der Maschine definiert den Menschen als immer auch technisch geprägt und verfasst.

Als Wolfgang Hochheimer, Professor an der damaligen Pädagogischen Hochschule in Berlin, sich in den 1960er Jahren für den extensiven Einsatz von Lehrautomaten aussprach, zitierte er nicht nur die Einschätzung eines Kollegen, dass sich »das demokratische Erziehungsziel« mithilfe von Lehrmaschinen »angemessener als bisher möglich« erreichen lässt. Begründend fügt er hinzu: »Sie sind gleichbleibend geduldig, gleichbleibend bereit für jedermann vom höher Zivilisierten bis zum Unterentwickelten« (W. Hochheimer, „Erziehung durch Maschinen?“ in: Der Spiegel 30/1953, 24.07. 1963). Im Kontext der unbedingten Demokratisierung der Nachkriegszeit kulminierte die Gleichzeitigkeit von Verheißung und Bedrohung der Maschine in der Fehlbarkeit des pädagogischen Subjekts: »Jeder Lehrer, der durch eine Maschine ersetzt werden kann, verdient ersetzt zu werden«, behauptete Ken Komoski, ein Automatenprogrammierer aus dem Umfeld von Burrhus Frederic Skinner, der später Professor an der Columbia University und UNESCO-Consultant wurde und seit 1967 mit großer Unterstützung von privaten Stiftungen den Educational Products Information Exchange betreibt („Lehrautomaten. Der Tod des Paukers“ in: Der Spiegel 29/1961, 12.07.1961). Dabei wurde in der Hitze dieser Nachkriegsdebatten häufig vergessen oder ausgeblendet, dass Maschinen, Apparate oder Automaten seit der Antike nicht nur direkt zur Wissensvermittlung eingesetzt wurden, sondern eben als »extensions of man« immer schon wirksam waren.

Während die maschinelle Durchsetzung der Bildungsgeschichte immer dichter wird und ergo eine Differenzierung zwischen Technik und Natur kaum noch möglich ist, etablierte sich in der Institutionalisierung moderner Bildung eine zunehmende Abwehrhaltung gegenüber der Welt der Maschinen und der Mechanisierung. Seelenlos sei die Maschine, wenn es um pädagogische Beziehungen geht. Echte Bildung beginne dort, wo die an sich unpädagogische Disziplinierung immer schon aufgehört hat: beim Menschen. Diese aber gibt es womöglich im 21. Jahrhundert gar nicht mehr. Die aktuellen kommunikativen Umwelten und die zunehmende Durchdringung der Dinge durch Microcontroller – man denke beispielsweise an die sozialisatorischen Wirkungen der Tamagotchi oder an die in japanischen Altersheimen anstatt von Tieren eingesetzten Roboter – haben die Frage nach der Stellung der Maschine in Bildung, Erziehung und Sozialisation verschärft.

Das Jahrbuch für Historische Bildungsforschung widmet seine 20. Ausgabe dem Themenkomplex der Maschinen und Mechanisierung in der Bildungsgeschichte. Es geht dabei nicht nur um die Schnittstellen zwischen Subjekt und einem zunehmend komplexen Verbund aus Apparaten, Dingen und Medien, sondern auch um die »Erziehung zum Maschinellen« bzw. die Sozialisation zu einem »Leben im Zeichen technischen Konstruierens und Organisierens« (von Herrmann & Velminski, Maschinentheorien/ Theoriemaschinen. Frankfurt/M. et al., 2012, S 12). Nicht nur Fragen der Vermittlung der artes mechanicae und deren Veränderungen im Zuge der Verbreitung von Maschinen in modernen Gesellschaften, sondern auch Fragen des impliziten Wissens der Dinge, der sozialen Transformationsentwürfe, der pädagogischen Semantik, der agency in Bildungsprozessen und der historischen Materialität einzelner Apparate sollen entlang der Analysen von Maschinen und maschinellen Denkfiguren neu modelliert werden.


Abgabe des Exposés: bis zum 31. August 2013

Annahme/Ablehnung des Exposés: bis zum 30. September 2013

Abgabe des Beitrags: bis zum 15. März 2014

Bitte senden Sie Ihr Exposé per E-Mail an: Prof. Dr. Marcelo Caruso, Humboldt-Universität zu Berlin, E-Mail:marcelo.caruso@hu-berlin.de

2. Auch für den Teil Abhandlungen sind die Kollegen(inn)en aufgefordert, Beiträge einzureichen. Dabei sind alle historischen Themenfelder erwünscht. Beiträge, die die Phase vor dem 18. Jahrhundert betreffen, sind besonders willkommen.

3. Möglichst in jedem Jahr wird zudem eine markante Quelle publiziert und in ihrem Kontext interpretiert. Auch Einreichungen hierfür sind sehr willkommen.

Senden Sie Ihre Abhandlung bzw. Ihren Quellenvorschlag per E-Mail an: Prof. Dr. Ulrich Wiegmann, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, E-Mail:u.wiegmann@imail.de

Schlagwörter: Bildungsgeschichte; Publikation; Historische Bildungsforschung
Eingetragen von: barkowski@dipf.de
Erfassungsdatum: 16. 05. 2013
Korrekturdatum: 16. 05. 2013