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Projektleiter, Anprechpartner: Lohmann, Ingrid
Name des Projektes: Beziehungen zwischen politisch-oekonomischem und paedagogischem Diskurs zu Beginn der Moderne - Fallstudien in bildungshistorischer Perspektive (Arbeitstitel)
Vorauss. Abschluss: 2010
Anschrift, Institut: Universitaet Hamburg, Fakultaet fuer Bildungswissenschaften
E-Mail: Lohmann@erzwiss.uni-hamburg.de
Darstellung des Forschungsvorhabens:

Gegenstand des Forschungsvorhabens ist die ideengeschichtlich hermeneutische sowie sozialwissenschaftlich diskursanalytische Rekonstruktion von Schlüsselbegriffen des pädagogischen sowie des politisch-ökonomischen Diskurses anhand von Wörterbüchern, Enzyklopädien und Lexika des 17. und 18. Jahrhunderts sowie ausgewählter Schriften einzelner frühliberaler Klassiker.
Die Pädagogik der Gegenwart steht dem ökonomischen Bereich von ihrem Selbstverständnis her im allgemeinen eher distanziert gegenüber. Tatsächlich waren weite Gebiete der pädagogischen Praxis – einschließlich der Institutionen der Bildung und Erziehung – im 19. und 20. Jahrhundert programmatisch und in bestimmter Hinsicht auch faktisch durch eine relative Autonomie gegenüber direkten politischen und ökonomischen Interventionen gekennzeichnet. Gleichwohl hatten sie, wie die Arbeiten Bourdieus ins Bewußtsein gehoben haben, immer auch (sozial-) politische und ökonomische Funktionen. Dessen ungeachtet definiert sich Pädagogik von ihren modernen Grundlagen her überwiegend als eine Disziplin und als eine Praxis, die ihr Selbstverständnis auf Autonomie und Eigenständigkeit des Pädagogischen gegenüber dem Ökonomischen stützt und die ihre disziplinären wie professionellen Besonderheiten in hohem Maße dadurch definiert. Eben darin lag (auch dies hat Bourdieu gezeigt) auch ihre spezifische Funktionalität. Dem Einbruch des Politisch-Ökonomischen in das Pädagogische steht das Fach heute daraufhin überwiegend mit Ratlosigkeit, Skepsis, Verweigerung oder Abwehr gegenüber.
Das Forschungsvorhaben soll dazu beitragen, diese Defensivposition zu überwinden und die Eigenständigkeit des Pädagogischen in seiner sich derzeit grundlegend wandelnden Stellung zum Ökonomischen – die wohl eher als eine Stellung innerhalb der Ökonomie zu bezeichnen sein wird – zu behaupten. Dazu sollen Rekonstruktionen ehemals vorhandener Gemeinsamkeiten zwischen pädagogischem und politisch-ökonomischem Diskurs verhelfen – Gemeinsamkeiten, die zwischenzeitlich aus dem theoretischen Gedächtnis unseres Faches verschwunden waren, im 17. und 18., aber auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber offensichtlich bestanden. Ehedem entstanden beide Diskurse mehr oder weniger zeitgleich, und zuweilen in enger Beziehung, als zwei Säulen der politischen Philosophie des klassischen Liberalismus. Beide, der entstehende politisch-ökonomische und der entstehende pädagogisch-bildungstheoretische Diskurs der Neuzeit und der Moderne, schöpfen eine Zeitlang aus den gleichen Quellen; beide Diskurse entwickeln und verwenden dabei – und hier setzt das geplante Forschungsvorhaben an – bestimmte Termini gleichermaßen, wenn auch nicht gleichsinnig: Eigentum, Besitz, Vermögen, Gut, Talent, Spekulation, Wert u.a.
Im Begriff des geistigen Eigentums beispielsweise ist uns die doppelte Zugehörigkeit zu beiden Diskursen seit eh und je (genauer gesagt: seit etwa 1800) geläufig; im Begriff des kulturellen Kapitals hat Bourdieu die beiden Diskurse für heutige theoretische Erörterungen über moderne Bildungssysteme wieder zusammengebracht. In der Pädagogik des 19. Jahrhunderts war die Rede gang und gäbe, daß dieser oder jener Stoff dem Schüler zum „sicheren Eigentum“, zum „sicheren Besitz“ werden solle; „Vermögen“ war ein Synonym für den bildungstheoretisch aufgeladenen Begriff der „geistigen Kräfte“; „Talent“ bezeichnete ein Silbermaß, bevor es zum Synonym für besondere individuelle Begabungen wurde. All dies ist zwar nicht aus unserem kollektiven alltagskulturellen Gedächtnis verschwunden, ist jedoch auch nicht mehr sonderlich präsent in pädagogischer bzw. Bildungstheorie.
Das geplante Forschungsvorhaben dient der Untersuchung, auf welche Weise bestimmte Termini zu Schlüsselbegriffen sowohl des ökonomischen als auch des pädagogischen Diskurses wurden (Rezeptionsverläufe), welches gemeinsame Quellen (Akteure, Medien) waren, inwieweit (in welchen Kontexten, mit welchen Differenzierungen) ihnen gemeinsame Bedeutungen zugeschrieben wurden.

benutzte Materialien:

Ausgewertet werden im Rahmen des geplanten Forschungsvorhabens u.a. folgende Werke: Adelung, J.C.: Grammatisch-kritisches Wörterbuch, Ausgabe von 1811; Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, hg. von Johann Samuel Ersch und Johann Gottfried Gruber. Leipzig 1818; Bayle, Pierre: Dictionnaire historique et critique, 17. Jh., acht Auflagen in Frz. in 50 Jahren, übersetzt ins Englische in 2 Versionen (erschienen 1709, 1734-1741) und ins Deutsche (erschienen 1741-1744); Beckmann, Johann: Physikalisch-ökonomische Bibliothek. 23 Bde., ca. 1770ff.; Brockhaus Conversationslexikon, 10 Bde., 3. Aufl., 1817; Encyclopédie, ed. Diderot et D´Alembert, 1751-1772; Geschichtliche Grundbegriffe. Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. 7 Bde., Bd. 8 Register, Stuttgart 1972-1997; Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Hrsg. von Wolfram Fischer, 6 Bde., Stuttgart 1980ff; Henning, Friedrich-Wilhelm: Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands, 3 Bde., Paderborn u.a. 1991ff; Krünitz, Johann Georg: Oekonomisch-technologische Enzyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirthschaft und der Kunstgeschichte. 242 Bde., 1773 bis 1858; Technologisch-ökonomische Lexika von der Neuzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts; Zedler: Universallexicon. 68 Bde., 1731ff.

Status:

Aufsatzsammlung

Erfassungsdatum: 19. 11. 2004
Korrekturdatum: 09. 06. 2008